Wien 2003

WiMa.gif (23848 Byte) by Cornelia Hirschmann

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Vorgeschichte

Nach der Enttäuschung in Florenz (more …), habe ich ja zunächst einmal vorgehabt, das Frühjahr mit Schitouren in den Bergen zu verbringen, da aber dann das Wetter überhaupt nicht mitgespielt hat, habe ich mich dann doch zu einem Frühjahrsmarathon entschlossen. Wien bietet sich da von der Nähe und vom Termin her einfach an …

Nach wie vor halte ich den Greif-Plan (more …) für ziemlich optimal – nur wollte ich diesmal den "normalen" Plan ("Countdown zur Bestzeit") versuchen. Die 8 Wochen mit je 110 - 120 km haben mich – ausgehend von einer ziemlich guten Grundlagenausdauer – wirklich in Topform gebracht. Ich bewerte ja seit einiger Zeit jeden Tag (in der heißen Phase) meinen körperliche Zustand auf einer Skala von 1 bis 5 (Schulnote): bemerkenswert, dass die schlechteste Note ein 3er war und meist sogar ein 1er oder 2er im elektronisch geführten Trainingstagebuch steht. Auch heute - am Tag nach dem verhunzten Marathon - fühle ich mich stärker denn je.

Doch dann am Donnerstag oder Freitag, mitten ins aller beste Marathonwetter (nur 10° – 15°, bedeckt, regnerisch), platzt die Meldung von der "Wetterbesserung" und als die Dame von der Wettervorhersage ein "für das Wochenende ist herrlichstes Sommerwetter mit wunderbaren 30° angesagt" aus dem TV grinst, würde ich diesen am liebsten aus dem Fenster schmeißen! Augenblicklich falle ich in ein emotionales Loch, aus dem ich kaum mehr herauskomme … ab jetzt setzt sich im Hinterkopf der Gedanke an "nicht starten", "absagen", "versuchen, aber aufgeben", u.ä. fest! Da kann ich machen was ich will – wie eingebrannt!

Wie sagt Papa Greif: aufgeben tut immer nur der Geist, niemals der Körper? Na, beste Voraussetzungen :-(

Vor dem Lauf

Ach wie komfortabel ist doch eine Reise nach Wien verglichen mit einer Reise nach Firenze o.ä.! Kein Problem mit dem Zug, keines mit dem Quartier, da uns Andrea angeboten hat, bei ihr zu übernachten (DANKE!), keines mit dem Essen (wiederum dank Andrea), keines mit den Öffis uswusf! Der Beschluss, ab jetzt nur mehr "nahe liegende" Läufe zu absolvieren, wird immer plausibler!

Am Sa. Nachmittag checken wir also die gesamte Logistik von wegen Startnummer, Chip, Getränke herrichten, Route planen, usw. und am Sonntag dann beginnt der vielfach getestete Zeitplan ab 6:00 zu laufen: Frühstück, Toilette, Anfahrt zum Start, usw.

Am Start

 

E. liefert mich wohlbehalten in der Nähe des Vienna International Center

(Startgelände) ab und schon jetzt macht uns die Wärme zu schaffen. Ich trinke, trinke, trinke, wie schon die letzten drei Tage auch – wohl wissend, dass es nur ein schwacher Schutz gegen die drohende Dehydration und Überhitzung sein wird.

Beim Einlaufen und später beim Strechen denke ich mir dank E. nicht recht viel! Es ist gut (was sage ich: perfekt), dass E. bei mir ist und mich einfühlsam und mit so viel Liebe betreut; und abgesehen von letzterem: ich glaube nicht, dass sonst jemand eine so perfekten Coach hat, der alles voraussieht, jeden Gedanken errät und sofort auf alle Gegebenheiten optimal reagiert!

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Der erste Weg vor jedem Marathon!

Foto: Rockenschaub

Als sich E. zum ersten Coaching-Punkt (km 5) aufmacht, absolviere ich noch den kleinen, obligaten Tempolauf und warte so lange wie möglich im Schatten auf den Start.

Km 0 – 5

Glücklicherweise fällt in unserem Startblock der Lautsprecher aus und so kriegen wir den eigentlichen Start gar nicht mit. Langsam setzt sich der Tross in Bewegung, aber pünktlich auf der Startlinie wird es wirklich zum Laufen.

Es beginnt die Suche nach dem richtigen Tempo – der leichte Anstieg über die

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Reichsbrücke und die ungewohnten Temperaturen machen die Aufgabe nicht einfacher, aber es gelingt mir trotzdem, nicht zu schnell zu starten und bis km 5 mich kontinuierlich von 4′43" auf 4′29" je km zu verbessern – optimal!

Wie immer braucht das meine

Puls / Geschwindigkeitsdiagramm

Grafik: Widmann

gesamte Aufmerksamkeit und eigentlich weiß ich über die ersten km sehr, sehr wenig: nur einige komische Vögel fallen mir ein: einer mit Wollhandschuhen, manche mit langen Leibchen, einer sogar mit langer Hose … unpackbar! Und natürlich die in den Kostümen: so Telering-Weg-mit-dem-Speck-Männchen, oder einige Komikfiguren und was weiß ich alles noch!

Es kommt km 5 in Sicht – weit und breit keine offizielle Labestation (wie versprochen) und weit und breit keine E zu sehen … sollte …? Nein, unmöglich!

Km 5

Als ich am Kärntner Ring ankomme, wo sich km 5 befindet, ist die Hölle los. Tausende Kinder absolvieren den Coca Cola Lauf. Ich finde die offizielle Labstelle nicht, vor der ich auf M warten soll, und befrage deswegen 3 – 4 Streckenposten, die nur die Schultern zucken. Ein Polizist kann mir dann endlich den Weg weisen und ich postiere mich.

Bald erscheinen die Spitzenläufer und als das dichte "Läuferfeld" auftaucht, ist M schon längst überfällig. Nervös pendeln meine Augen zwischen meiner Uhr und den Läufern hin und her – ich werde ihn doch nicht schon wieder versäumt haben (siehe vor 2 Jahren)?!? – Ah, da kommt er – er schaut frisch aus: "Super Manfred super!" – und weg ist er wieder.

Km 5 – 10

"Shame on you, Manfred", wie konntest du auch nur einen Augenblick zweifeln, dass E. den Coaching-Punkt wahrnehmen wird?

Frisch gestärkt (diesmal ausschließlich Wasser: hat sich übrigens bewährt), geht es raus nach Hütteldorf. Das Feld wird schön langsam ein wenig lichter, das Laufen geht einfacher, ich überhole gemächlich Läufer um Läufer und kann meinen Schnitt auf nachträglich errechnete 4′32" drücken. Alles geht gut – aber was sollte jetzt schon sein? Wir wissen ja schon längst, wann der Marathon beginnt! Die, die hier schon ein wenig gehen müssen …was wird mit denen bei km 30 / 35 sein? Hat der Marathon für die Sinn? Hat er überhaupt Sinn?

Km 10

Wie beim letzten Mal, lassen wir auch diesmal das Privat-Coaching bei km 10 sein: Elke könnte nie in der Zeit da raus radeln und dann bei 15 wieder beim nächsten Punkt sein! Nicht dass ich so schnell laufe: die Straßen sind dermaßen verstopft und weiträumig abgesperrt, dass es sogar mit dem Radl (BTW: vielen Dank Benedikt!!!) richtig "tricky" ist, von A nach B zu gelangen – vor allem, wenn zwischen A und B die Marathon-Strecke liegt.

Also gibt es 4 Becher Wasser: 2 direkt über den Kopf und 2 halb in den Magen und halb ins Gesicht!

Km 10 – 15

Auch für die nächsten 5 km kann ich den Schnitt gut halten: 4′33" sind zwar brav, aber auf die beabsichtigten 4′25" komm′ ich einfach nicht … es ist einfach zu heiß dafür! Ich versuche es zwar, aber das strengt mich dermaßen an (und die HF klettert sofort über 170), dass ich es mir einfach nicht zutraue, die restlichen 30 km so weiterzulaufen. Also ruhig Blut, abwarten, vielleicht wird es ja noch besser (als ob es das schon jemals geworden wäre)!?

Aber ansonsten sind es die einfachsten Kilometer: eher Rückenwind, schattige Gassen, leicht bergab – doch dann laufen wir an einer kombinierten Anzeige für Zeit und Temperatur vorbei und das Bild "brennt" sich in meinem Gehirn fest: 9:58 / 26° …

Nicht mehr allzu lange kann ich darüber nachgrübeln – schon sehe ich E., die im bester Volleyball-Manier hüpft, als ob es um die Blockbildung gegen die Erzrivalen ginge.

Km 15

Also das war ein Spießrutenlauf diesen Treffpunkt zu erreichen. Aufgrund der verschiedensten Läufe sind so viele Straßen blockiert, dass ich mit meinem Rad "am Buckel" treppauf treppab durch sämtliche Unterführungen marschieren muss.

Endlich angekommen dauert es nicht lange und M ragt aus der "Läufermasse". Um die fotografierenden und betreuenden Leute vor mir, die sich prinzipiell vor einem in die Reihe zwängen, zu überragen, hüpfe ich wie wild und überreiche M den halben Liter Wasser. Noch immer wirkt er gelassen und ich hoffe, dass das auch so bleibt.

Km 15 – 20

Emotional und flüssigkeitsmäßig aufgetankt, nehme ich die nächsten km in Angriff – beinahe unverändert das Tempo – eher ein klitzekleinwenig schneller.

Nach den belebteren Passagen in der Nähe des Rings wird es jetzt am nördlichsten Streckenabschnitt eher ein wenig stiller; kaum Zuseher lassen sich hier den "wunderschönen Sommertag" von ein paar laufenden Deppen, die einfach nicht einsehen wollen, dass es einfach wirklich zu warm ist, den Tag verderben.

Wenn ich an diesen Abschnitt denke, dann denke ich an ein paar lange, sonnenbeschienene, mühsam zu laufende Geraden: mich wundert im Nachhinein eigentlich, dass der Schnitt da zu halten war. Das ist wohl (hoffentlich) nur dadurch zu erklären, dass ich eigentlich "höheres" in den Beinen gehabt hätte.

Wenn weniger Zusehe sind, widmet man sich mehr seinen Konkurrenten: immer wieder fallen einem die gleichen auf: ein "Chemiker, aber trotzdem nett", zwei wirklich austrainierte Mädels, die beiden Triathleten (erkenntlich am Laufstil) und viele andere. Einmal der vorn, einmal der andere, einmal lassen jene nach, dann brauchen die bei einer Labe länger …

Ach ja: Labe! E! Wasser! Ja, es passt alles! Oder?

Km 20

Wann kommt er? Habe ich ihn schon übersehen? Wegen der Sperren habe ich wieder viel Zeit verbraucht und so komme ich ganz knapp zum Treffpunkt. Voller Hektik reiße ich eine Wasserflasche aus meinem Rucksack und hoffe, dass ich noch nicht zu spät bin. Gott sei Dank – da ist er. Dieses mal kann ich seinen Gesichtsausdruck nicht einordnen – geht′s ihm gut, frage ich mich, aber da ist er schon wieder vorbei.

Km 20 – 25

Langsam, unmerklich beginnt der Schnitt zu bröckeln (4′39")! Immer schwieriger wird es, das Tempo konstant zu halten. Ein Versuch in diese Richtung bringt mich a) von der Gruppe weg und b) der Erschöpfung näher.

Der Halbmarathon wird in 1:36 durchlaufen …3:12 also bestenfalls die Endzeit! Was tun? Wie geht es weiter? Immer die selbe Zwickmühle: riskieren und den Puls, Puls sein lassen und auf Zeit laufen? Oder besser doch konservativ den Puls im Rahmen (165 / 170) halten? Aber 3:12? Schon wieder? Wenn überhaupt!

Inmitten meiner Selbstversuche platzt E mit einer weiteren Wassergabe. Sollte ich wirklich schon wieder 5 km gelaufen sein? Bin ich schon so benommen, dass ich mich so verschätzt habe? Nein, eine Zwischenlabe bei km 23 hat sie aus dem Tritt gebracht: ich nehme ein paar Schluck (geht kaum mehr was rein!) und sie übernimmt die Flasche wieder. Ein wenig kann sie sogar neben mir herradeln und mir vom wichtigsten Treibstoff geben, den man auf einem Marathon nur bekommen kann: Motivation, Emotion, Gefühl, Liebe, …

Jetzt aber:

Km 25

ls ich M bei km 23 zu früh das Getränk verabreiche, spricht er von "nicht fertiglaufen" und so, wie er das sagt, erkenne ich, dass er dies wirklich in Betracht zieht. Von dieser Information etwas überrascht, weiß ich zuerst gar nichts zu sagen.

Erst bei km 25 schreie ich ihm nach: "Es wird nicht aufgehört – du läufst fertig!" Ich wundere mich über meine "autoritäre Anweisung", die mir aber als einzige Möglichkeit erscheint, ihn zu motivieren.

Km 25 – 30

Wir biegen in den Prater ein und ich höre ein Gespräch mit: "Super, Walter!" (Zuseher) – "Hehe!" (Läufer) – "Wie geht′s?" – "Viel zu heiß für eine gute Zeit – ich hab schon aufgehört!" Ich denke noch, dass man das gar nicht sieht, weil er immer noch sehr locker drauf ist, als er tatsächlich rechts aus dem Kurs läuft … hoppala: aufhören kann man also auch?

Die nächsten Kilometer auf der Praterhauptallee sind geprägt von der Suche nach Schatten, von dem vergeblichen Bemühen, den Schnitt zu halten (4′48" waren es letztendlich "over all") und von vielen, vielen Rechnereien auf mögliche Endzeiten … und von der Suche nach Gründen, weiterzulaufen.

Der Prater mit seinen Schaubuden wie immer ein Gräuel: Gestank, Lärm, Leute, denen Sport so etwas von egal ist, vielleicht ausgenommen Formel 1, Fußball und Ski im TV … passt so richtig zur Stimmung bei km 28 mit nachlassenden Kräften und heißer Birne!

Unvorhergesehen komme ich zu einer Labestelle – ein wenig vor km 30, also auch vor dem Treffen mit E. Ich nehme halbherzig einen Becher und versuche einen Schluck

Würg: ich will nichts mehr trinken, ich will gar nichts mehr … wozu eigentlich noch weiter? 2:16 zeigt die Uhr … etwa noch eine Stunde … also 3:16! Und dafür quälen? Wozu? Da sehe ich E. auf mich warten: ich denke, eine Entscheidung steht an!

Km 30

Dieses mal dachte ich schon, ich hätte ihn wirklich versäumt, als er in einem kleinen Grüppchen erscheint. Ich werfe mich in Pose – also Schrittstellung und rechte Hand mit dem Getränk nach vor gestreckt – aber he, was soll das??? Er nimmt sich das Wasser und bleibt vor mir stehen. Ich ahne, was kommt und da spricht er es schon aus: "Ich hör′auf!" – "Komm, lauf weiter!" – "Es hot kann Sinn!" – "Geh kum, ren weita!" Dann lass ich es – ich weiß, dass er es schon für sich entschieden hat und eigentlich kann ich es auch verstehen. Bei der Affenhitze ist das Laufen eine Tortur in jeder Hinsicht, wie die zahlreichen "Leichen" am Streckenrand beweisen.

Also mein Verständnis ist dir, M, sicher!

Am Ende

"Ich glaube, ich höre auf!" – das sollten die letzte Worte von mir im VCM 2003

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sein! Nicht einmal WIRLICH gebügelt, fällt dann relativ schnell dieser Entschluss kurz vor km 30 nach einer Laufzeit von ziemlich genau 2:17. Schade um die 8 Wochen Vorbereitung …

Nach dem Lauf

Mittels der noch übrigen Wasserflaschen und des Handtuches wasche ich mich halbwegs, ziehe mich um und fühle mich bald wieder als Mensch! Dann noch das Notfall-Cola für km 35 und ein wenig Applaus für die noch im Rennen befindlichen Läufer machen wir uns auf den Rückweg zum Heldenplatz um den Chip

Applaus allen, die sich das weiterhin antun!

Foto: Rockenschaub

zurückzugeben und vielleicht ein paar Gratis-Getränke zu ergattern.

Ersteres funktioniert, letzteres nicht – also müssen wir uns – nach einem kurzen Schwächeanfall meinerseits – ein Cola auf eigene Rechnung kaufen … dann wird schnell alles gut.

Und der weltallerbeste Segafreddo, den mir Andrea nach einer herrlichen Dusche serviert, tut dann das seinige für die Regeneration …

Und jetzt!

"Raaaaache!" schreit heute (am Tag danach) alles in mir! Es war richtig aufzuhören, ja! 100% (je öfter man es sich sagt, desto "wahrer" wird es!) So war es ein sehr, sehr intensiver Trainingslauf, der mit ein/zwei Tagen Regeneration wieder verdaut ist! Wäre ich fertig gelaufen, dann wäre es hw. für ein Monat mit mir vorbei gewesen! Wofür? Um sich zu sagen, dass bei den Temperaturen nicht mehr drinnen war? DAS weiß ich eigentlich auch so …

Und mal sehen: kommenden Sonntag wäre ein Halbmarathon … wenn die Temperaturen passen? Heute ist es ja schon wieder angenehm kühl (aaarrrrrggh)!

© Manfred Widmann

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