|
gesamte Aufmerksamkeit und eigentlich weiß ich über die ersten km sehr, sehr wenig: nur einige
komische Vögel fallen mir ein: einer mit Wollhandschuhen, manche mit langen
Leibchen, einer sogar mit langer Hose … unpackbar! Und natürlich die in den
Kostümen: so Telering-Weg-mit-dem-Speck-Männchen, oder einige Komikfiguren und
was weiß ich alles noch!
Es kommt km 5 in Sicht – weit und breit keine
offizielle Labestation (wie versprochen) und weit und breit keine E zu sehen …
sollte …? Nein, unmöglich!
Km 5
Als ich am Kärntner Ring ankomme, wo sich km 5 befindet, ist die Hölle los. Tausende Kinder absolvieren den Coca Cola Lauf. Ich finde die offizielle Labstelle nicht, vor der ich auf M warten soll, und befrage deswegen 3 – 4 Streckenposten, die nur die Schultern zucken. Ein Polizist kann mir dann endlich den Weg weisen und ich postiere mich.
Bald erscheinen die Spitzenläufer und als das dichte "Läuferfeld" auftaucht, ist M schon längst überfällig. Nervös pendeln meine Augen zwischen meiner Uhr und den Läufern hin und her – ich werde ihn doch nicht schon wieder versäumt haben (siehe vor 2 Jahren)?!? – Ah, da kommt er – er schaut frisch aus: "Super Manfred super!" – und weg ist er wieder.
Km 5 – 10
"Shame on you, Manfred", wie konntest du auch nur
einen Augenblick zweifeln, dass E. den Coaching-Punkt wahrnehmen wird?
Frisch gestärkt (diesmal ausschließlich Wasser: hat
sich übrigens bewährt), geht es raus nach Hütteldorf. Das Feld wird schön
langsam ein wenig lichter, das Laufen geht einfacher, ich überhole gemächlich
Läufer um Läufer und kann meinen Schnitt auf nachträglich errechnete 4′32"
drücken. Alles geht gut – aber was sollte jetzt schon sein? Wir wissen ja schon
längst, wann der Marathon beginnt! Die, die hier schon ein wenig gehen müssen
…was wird mit denen bei km 30 / 35 sein? Hat der Marathon für die Sinn? Hat er
überhaupt Sinn?
Km 10
Wie beim letzten Mal, lassen wir auch diesmal das
Privat-Coaching bei km 10 sein: Elke könnte nie in der Zeit da raus radeln und
dann bei 15 wieder beim nächsten Punkt sein! Nicht dass ich so schnell laufe:
die Straßen sind dermaßen verstopft und weiträumig abgesperrt, dass es sogar
mit dem Radl
(BTW: vielen Dank Benedikt!!!) richtig "tricky" ist, von A nach B zu gelangen –
vor allem, wenn zwischen A und B die Marathon-Strecke liegt.
Also gibt es 4 Becher Wasser: 2 direkt über den
Kopf und 2 halb in den Magen und halb ins Gesicht!
Km 10 – 15
Auch für die nächsten 5 km kann ich den Schnitt gut
halten: 4′33" sind zwar brav, aber auf die beabsichtigten 4′25" komm′ ich
einfach nicht … es ist einfach zu heiß dafür! Ich versuche es zwar, aber das
strengt mich dermaßen an (und die HF klettert sofort über 170), dass ich es mir
einfach nicht zutraue, die restlichen 30 km so weiterzulaufen. Also ruhig Blut,
abwarten, vielleicht wird es ja noch besser (als ob es das schon jemals
geworden wäre)!?
Aber ansonsten sind es die einfachsten Kilometer:
eher Rückenwind, schattige Gassen, leicht bergab – doch dann laufen wir an
einer kombinierten Anzeige für Zeit und Temperatur vorbei und das Bild "brennt"
sich in meinem Gehirn fest: 9:58 / 26° …
Nicht mehr allzu lange kann ich darüber nachgrübeln
– schon sehe ich E., die im bester Volleyball-Manier hüpft, als ob es um die
Blockbildung gegen die Erzrivalen ginge.
Km 15
Also das war ein Spießrutenlauf diesen Treffpunkt zu erreichen. Aufgrund der verschiedensten Läufe sind so viele Straßen blockiert, dass ich mit meinem Rad "am Buckel" treppauf treppab durch sämtliche Unterführungen marschieren muss.
Endlich angekommen dauert es nicht lange und M ragt aus der "Läufermasse". Um die fotografierenden und betreuenden Leute vor mir, die sich prinzipiell vor einem in die Reihe zwängen, zu überragen, hüpfe ich wie wild und überreiche M den halben Liter Wasser. Noch immer wirkt er gelassen und ich hoffe, dass das auch so bleibt.
Km 15 – 20
Emotional und flüssigkeitsmäßig aufgetankt, nehme
ich die nächsten km in Angriff – beinahe unverändert das Tempo – eher ein
klitzekleinwenig schneller.
Nach den belebteren Passagen in der Nähe des Rings
wird es jetzt am nördlichsten Streckenabschnitt eher ein wenig stiller; kaum
Zuseher lassen sich hier den "wunderschönen Sommertag" von ein paar laufenden
Deppen, die einfach nicht einsehen wollen, dass es einfach wirklich zu warm
ist, den Tag verderben.
Wenn ich an diesen Abschnitt denke, dann denke ich
an ein paar lange, sonnenbeschienene, mühsam zu laufende Geraden: mich wundert
im Nachhinein eigentlich, dass der Schnitt da zu halten war. Das ist wohl
(hoffentlich) nur dadurch zu erklären, dass ich eigentlich "höheres" in den
Beinen gehabt hätte.
Wenn weniger Zusehe sind, widmet man sich mehr
seinen Konkurrenten: immer wieder fallen einem die gleichen auf: ein "Chemiker,
aber trotzdem nett", zwei wirklich austrainierte Mädels, die beiden Triathleten
(erkenntlich am Laufstil) und viele andere. Einmal der vorn, einmal der andere,
einmal lassen jene nach, dann brauchen die bei einer Labe länger …
Ach ja: Labe! E! Wasser! Ja, es passt alles! Oder?
Km 20
Wann kommt er? Habe ich ihn schon übersehen? Wegen der Sperren habe ich wieder viel Zeit verbraucht und so komme ich ganz knapp zum Treffpunkt. Voller Hektik reiße ich eine Wasserflasche aus meinem Rucksack und hoffe, dass ich noch nicht zu spät bin. Gott sei Dank – da ist er. Dieses mal kann ich seinen Gesichtsausdruck nicht einordnen – geht′s ihm gut, frage ich mich, aber da ist er schon wieder vorbei.
Km 20 – 25
Langsam, unmerklich beginnt der Schnitt zu bröckeln
(4′39")! Immer schwieriger wird es, das Tempo konstant zu halten. Ein Versuch
in diese Richtung bringt mich a) von der Gruppe weg und b) der Erschöpfung
näher.
Der Halbmarathon wird in 1:36 durchlaufen …3:12
also bestenfalls die Endzeit! Was tun? Wie geht es weiter? Immer die selbe
Zwickmühle: riskieren und den Puls, Puls sein lassen und auf Zeit laufen? Oder
besser doch konservativ den Puls im Rahmen (165 / 170) halten? Aber 3:12? Schon
wieder? Wenn überhaupt!
Inmitten meiner Selbstversuche platzt E mit einer
weiteren Wassergabe. Sollte ich wirklich schon wieder 5 km gelaufen sein? Bin
ich schon so benommen, dass ich mich so verschätzt habe? Nein, eine
Zwischenlabe bei km 23 hat sie aus dem Tritt gebracht: ich nehme ein paar
Schluck (geht kaum mehr was rein!) und sie übernimmt die Flasche wieder. Ein
wenig kann sie sogar neben mir herradeln und mir vom wichtigsten Treibstoff
geben, den man auf einem Marathon nur bekommen kann: Motivation, Emotion,
Gefühl, Liebe, …
Jetzt aber:
Km 25
ls ich M bei km 23 zu früh das Getränk verabreiche, spricht er von "nicht fertiglaufen" und so, wie er das sagt, erkenne ich, dass er dies wirklich in Betracht zieht. Von dieser Information etwas überrascht, weiß ich zuerst gar nichts zu sagen.
Erst bei km 25 schreie ich ihm nach: "Es wird nicht aufgehört – du läufst fertig!" Ich wundere mich über meine "autoritäre Anweisung", die mir aber als einzige Möglichkeit erscheint, ihn zu motivieren.
Km 25 – 30
Wir biegen in den Prater ein und ich höre ein
Gespräch mit: "Super, Walter!" (Zuseher) – "Hehe!" (Läufer) – "Wie geht′s?" –
"Viel zu heiß für eine gute Zeit – ich hab schon aufgehört!" Ich denke noch,
dass man das gar nicht sieht, weil er immer noch sehr locker drauf ist, als er
tatsächlich rechts aus dem Kurs läuft … hoppala: aufhören kann man also auch?
Die nächsten Kilometer auf der Praterhauptallee
sind geprägt von der Suche nach Schatten, von dem vergeblichen Bemühen, den
Schnitt zu halten (4′48" waren es letztendlich "over all") und von vielen,
vielen Rechnereien auf mögliche Endzeiten … und von der Suche nach Gründen, weiterzulaufen.
Der Prater mit seinen Schaubuden wie immer ein
Gräuel: Gestank, Lärm, Leute, denen Sport so etwas von egal ist, vielleicht
ausgenommen Formel 1, Fußball und Ski im TV … passt so richtig zur Stimmung bei
km 28 mit nachlassenden Kräften und heißer Birne!
Unvorhergesehen komme ich zu einer Labestelle – ein
wenig vor km 30, also auch vor dem Treffen mit E. Ich nehme halbherzig einen
Becher und versuche einen Schluck
Würg: ich will nichts mehr trinken, ich will gar
nichts mehr … wozu eigentlich noch weiter? 2:16 zeigt die Uhr … etwa noch eine
Stunde … also 3:16! Und dafür quälen? Wozu? Da sehe ich E. auf mich warten: ich
denke, eine Entscheidung steht an!
Km 30
Dieses mal dachte ich schon, ich hätte ihn wirklich versäumt, als er in einem kleinen Grüppchen erscheint. Ich werfe mich in Pose – also Schrittstellung und rechte Hand mit dem Getränk nach vor gestreckt – aber he, was soll das??? Er nimmt sich das Wasser und bleibt vor mir stehen. Ich ahne, was kommt und da spricht er es schon aus: "Ich hör′auf!" – "Komm, lauf weiter!" – "Es hot kann Sinn!" – "Geh kum, ren weita!" Dann lass ich es – ich weiß, dass er es schon für sich entschieden hat und eigentlich kann ich es auch verstehen. Bei der Affenhitze ist das Laufen eine Tortur in jeder Hinsicht, wie die zahlreichen "Leichen" am Streckenrand beweisen.
Also mein Verständnis ist dir, M, sicher!
Am Ende
"Ich glaube, ich höre auf!" – das sollten die
letzte Worte von mir im VCM 2003
|